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Frau Senz erzählt

Eine Zeitzeugin erinnert sich an das Haus in der Museumstraße 7: an die Zunftstube, die NS-Zeit, das Gefängnis und den Luftschutzkeller.

Frau Senz wohnte ab Mitte der 1920er-Jahre im ersten Stock der Museumstraße 7, im heutigen Haus der Jugend. Ihre Familie war eine von drei Familien im Haus und versorgte zeitweise die Gefangenen im Ortsgefängnis. Später lebte sie viele Jahre in der direkten Nachbarschaft und ertrug den Trubel im Haus der Jugend meist mit Gelassenheit.

Im Rahmen eines Medienprojekts haben Jugendliche sie zusammen mit Lutz Adam interviewt, dem langjährigen Geschäftsführer des Stadtjugendrings. Frau Senz ist inzwischen verstorben. Ihre Erinnerungen erzählen, was in diesem Haus geschah, bevor es ein Haus der Jugend wurde.

Das Interview

Schwarz-Weiß-Foto: Frau Senz und ihr Mann stehen Arm in Arm vor einem großen, gewölbten Holztor. Sie trägt ein gemustertes Kleid mit weißem Kragen, er einen Anzug.
Frau Senz mit ihrem Mann vor dem großen Holztor des Hauses. Wo das Tor war, ist heute das große Fenster des Jugendtreffs.

Frau Senz erzählt frei aus der Erinnerung, Jahrzehnte nach den Ereignissen. Sie spricht über die NS-Zeit, über Haft und Gewalt. Gegen Ende spricht sie abwertend über junge Frauen und verwendet eine rassistische Zuschreibung. Wir veröffentlichen das Interview ungekürzt als Zeitdokument. Einordnungen stehen unter der Abschrift.

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Abschrift

Die Abschrift folgt der Aufnahme und ist leicht geglättet: Füllwörter und abgebrochene Satzanfänge fehlen, die Ausdrucksweise bleibt erhalten. [?] markiert unsichere Stellen, [unverständlich] nicht verständliche. Die Jugendlichen sind nicht namentlich genannt.

  1. 0:00

    Frau Senz: Ja, ich kann mich noch erinnern, also das kann ich zurückverfolgen bis 1924, was sich da alles gegeben hat. Und zwar war da vorne die Hälfte vom Haus der Jugend, wo jetzt die Stufen hochgehen, runterwärts, wo jetzt der Saal ist. Da haben ganz früher die Stadtmänner die Bänke gelagert, wo die Marktfrauen auf dem Markt ihr Obst verkauft haben. Wisst ihr, Schranne sagen wir. Wie sagen Sie? Schranne. Und nachdem ist das aufgelöst worden, und nach dem kam die Weingärtner-Zunftstube in den Raum rein. Was ist das jetzt für ein Raum?

  2. 0:50

    Lutz Adam: Der Saal.

  3. 0:51

    Frau Senz: Der Saal, ja, der Saal. Und vorne dran war eine Garage. Da war zuerst der Totenwagen drin, also der Leichenwagen, und anschließend das Sanitätsauto. Der Fahrer von dem Totenwagen, der hieß Schleicher, und der vom Roten Kreuz, der hieß Epp. Ist richtig, ja? Ja, ja. Lass es so erklären. Ja?

  4. 1:22

    Lutz Adam: Ja.

  5. 1:23

    Frau Senz: Und dann war die Weingärtner-Zunftstube, wo jetzt der Saal ist, und dann wurde es nach der Übernahme von der NSDAP verboten, weil das Blaumännle und das, das ist so Kult gewesen.

  6. 1:43

    Frau Senz: Und dann war es so: Als die NSDAP kam, da wurde das als SS-Versammlungsraum genutzt. Da wurden Hochzeiten von SS-Angehörigen gefeiert. Da wurden sonstige Julfeiern gefeiert, also im Dezember. Ich weiß nicht, wann war es? Am siebten Jul. Also Jul.

  7. 2:14

    Frau Senz: Und dann war oben im ersten Stock ein Polizeikommissar. Weil unten, nach dem, wurde aus den Räumlichkeiten ein Gefängnis gebaut, und zwar abgeteilt. Das waren vier kleine Zellen mit vier Personen. Ist das nicht richtig?

  8. 2:41

    Jugendliche: Nein, das ist nur eklig. Ich weiß nicht.

  9. 2:43

    Frau Senz: Ist das nicht richtig?

  10. 2:44

    Jugendliche: Nein, ist eklig. Also ich kann es mir nicht vorstellen.

  11. 2:47

    Frau Senz: Ja, eben. Also das sind vier große Zellen, also doppelt, also für vier Personen je Zelle, und vorne eine große Zelle mit zwölf Matratzen [?]. Das sind zweimal vier. Ja, da waren es zwölf. Also vorne dran, wo jetzt der Saal ist bei euch.

  12. 3:15

    Lutz Adam: Also, die Feinheiten sind gar nicht so wichtig. Das Gefängnis war in dem Raum, in dem jetzt der Jugendtreff ist.

  13. 3:24

    Frau Senz: Ja.

  14. 3:24

    Lutz Adam: Und das ist eingerichtet worden als Polizeigefängnis?

  15. 3:27

    Frau Senz: Ja. Also vor der SS, da kamen die Stromer und die Straßenmädchen und so.

  16. 3:35

    Lutz Adam: Also schon in der Weimarer Republik?

  17. 3:37

    Frau Senz: Ja. Und nach dem war es Gefängnis für die politischen Häftlinge. Schwarzschlächterei und also politische Gefangene.

  18. 3:51

    Lutz Adam: Und dann war der Krieg rum.

  19. 3:54

    Frau Senz: Ja, also man kann das so sagen: Versorgt wurden die Gefangenen von der Familie Roller, im ersten Stock, wo es jetzt nach unten geht. Und dann haben wir es übernommen, und wir haben das Gefängnis versorgt bis 1948.

  20. 4:17

    Lutz Adam: Und jetzt noch mal zum Verständnis: Da haben Sie im ersten Stock gewohnt?

  21. 4:19

    Frau Senz: Ja, hier im ersten Stock. Ja, im Haus.

  22. 4:22

    Lutz Adam: Wo jetzt die Seminarräume sind.

  23. 4:24

    Frau Senz: Ja, und zwar hier raus. Da waren also drei Familien: die Familie Roller und Scheuer und Beck, das waren wir.

  24. 4:36

    Frau Senz: Und dann, wo der Krieg aus war, da kamen ja die SS-Männer alle nach Hause. Und dann kamen die alle ins Gefängnis von den Franzosen. Die Nachbarschaft hat sie angegeben: Der ist heimgekommen. Und wir haben manchmal bloß 30 Essen gehabt für die Leute zum Kochen.

  25. 5:08

    Frau Senz: Und von da aus kamen die SS-Männer auch zum Teil ins Archiv nach Stuttgart. Also ich kann nur Namen sagen, wer da war: der Herr Bürgermeister von Eningen, ein Bürgermeister von [unverständlich], hohe Persönlichkeiten, die in der Partei waren. Und da waren die BDM-Führer [?] auch drin im Gefängnis. Unter anderem habe ich auch [unverständlich] veranstaltet oben für eine, weil die kommt danach ins Archiv nach Stuttgart.

  26. 5:43

    Lutz Adam: Wollt ihr [?] was loswerden?

  27. 5:44

    Jugendliche: Nein.

  28. 5:47

    Frau Senz: Ist das schlimm?

  29. 5:48

    Jugendliche: Ja, nein, ich kann es mir nicht vorstellen.

  30. 5:50

    Frau Senz: Vorstellen, ja. Es war hart.

  31. 5:53

    Jugendliche: Also ich kann es mir ehrlich gesagt wirklich nicht vorstellen. Ich habe jetzt in Deutsch ein bisschen über Krieg und so gehabt, aber …

  32. 6:01

    Frau Senz: Also ich habe es miterlebt von 1924 bis 1946, wo mein Sohn auf die Welt gekommen ist, da bin ich hierher gezogen.

  33. 6:17

    Frau Senz: Ich meine, es war schon hart. Die Männer kommen heim, und die Nachbarschaft hat die schon denunziert, und da sind schon die Franzosen gekommen und haben sie abgeholt. Die waren noch keine vier oder fünf Stunden zu Hause, da haben sie sie abgeholt und ins Gefängnis gesperrt. Und von da aus kamen sie schichtweise ins Archiv nach Stuttgart.

  34. 6:38

    Jugendliche: Was macht man in dem Archiv?

  35. 6:44

    Frau Senz: Bitte?

  36. 6:44

    Jugendliche: Was man in dem Archiv macht?

  37. 6:47

    Frau Senz: Das haben sie in Stuttgart … Auch eingesperrt gewesen.

  38. 6:50

    Lutz Adam: Gefängnis wahrscheinlich.

  39. 6:52

    Frau Senz: War Gefängnis. Und von da aus sind sie nach Baumholder [?] gekommen, auch wieder, ich glaube, Straßenarbeit oder so zu machen.

  40. 7:01

    Lutz Adam: Frau Senz?

  41. 7:02

    Frau Senz: Aha. Ist es nicht richtig?

  42. 7:04

    Lutz Adam: Doch, das war alles okay. Das schnibbelt man wohl alles sowieso raus, was ich hier zusammenstammle, was nicht notwendig ist und so.

  43. 7:11

    Frau Senz: Ist ein bisschen durcheinander.

  44. 7:12

    Lutz Adam: Nein, das ist fast okay. Ich finde, es ist fast richtig chronologisch. Was gibt es denn sonst noch Wichtiges von dem Haus? Da, wo wir jetzt unsere Büros haben, im Dachgeschoss, da war früher nur Bühne. Ist das richtig?

  45. 7:25

    Frau Senz: Moment mal. Also der erste Stock, wo jetzt der erste Stock ist, das waren Wohnräume. Oben waren Bühnen. Das wurde nachher umgebaut in eine Wohnung, die hieß [Name unverständlich]. Also wo Sie jetzt Ihr Büro haben. Das hat man umgebaut als Wohnung.

  46. 7:43

    Frau Senz: Aber vorher waren das nur die unteren Räume, also bis nach unten in der Museumstraße, das waren drei Wohnungen.

  47. 7:53

    Lutz Adam: Und gab es damals schon Kellerräume?

  48. 7:57

    Frau Senz: Ja, hinten, wo der Hof ist bei Ihnen, die Stufe hinunter. Und wenn da Fliegeralarm war, da wurden die Gefangenen vom Gefängnis abgeteilt, und da waren die alle so, vielleicht 20, 25 Mann, und wir unten im Luftschutzkeller. Wir hatten immer Obst gehabt oder so. Die hatten ja Hunger gehabt. Oh, Entschuldigung, das müsst ihr rausschneiden.

  49. 8:27

    Frau Senz: Ja, und dann vorne war ein Weinkeller von der Stadt Reutlingen. Da hat von Unter den Linden – wie heißt denn das? Man hat immer [unverständlich] gesagt, wissen Sie, wo jetzt die Essensausgabe ist.

  50. 8:44

    Lutz Adam: Altersheim.

  51. 8:45

    Frau Senz: Ja, das Altersheim. Und die Stadt Reutlingen hat da ihren Weinkeller gehabt, von dem Wein von der Achalm. Das weiß ich noch. Und was sonst noch interessant war? Fragt doch auch etwas.

  52. 9:04

    Jugendliche: Und was ist jetzt aus dem Gefängnis oder aus den Zellen geworden? Also was ist jetzt daraus geworden?

  53. 9:10

    Frau Senz: Ich habe mit den Gefangenen, wo die weg waren, keinen Kontakt mehr gehabt. Bloß wo die wieder zu Hause waren, also 1948 nach der Währung, da haben wir immer noch Besuch gehabt. Der Herr Bürgermeister kam und der Herr [Name unverständlich] von Reutlingen, da waren viele da. Also ich könnte noch alle Namen aufzählen.

  54. 9:33

    Jugendliche: Haben Sie die Leute dann gekannt?

  55. 9:37

    Frau Senz: Gekannt? Nein.

  56. 9:39

    Jugendliche: Wenn die in Gefängnissen waren, aber die waren jetzt nicht …

  57. 9:42

    Frau Senz: Die Türen waren ja alle auf, also die waren nicht abgeschlossen. Die konnten laufen, wie sie wollten. Sie waren nicht eingesperrt in Zellen. Und dann kamen natürlich auch die Mädchen, die mussten ja gesondert sein, und die Männer. Also es waren viele Familienväter da.

  58. 10:06

    Frau Senz: Und dann haben wir mittags das Tor abgeschlossen. Da war ein großes Tor. Wissen Sie das noch? Von dem Tor sind auch keine Bilder da. Das haben wir abgeschlossen, und dann haben die Ehefrauen kommen können und haben ihre Männer besuchen können, wenn sie die Möglichkeit hatten. Wissen Sie, so.

  59. 10:24

    Lutz Adam: Nach dem Krieg, nachdem die Franzosen das Gefängnis nicht mehr gebraucht hatten, was ist daraus geworden? Weil 1952 ist es zum Haus der Jugend geworden, und da waren sicherlich keine Zellen mehr drin.

  60. 10:36

    Frau Senz: Da war unten eine Wohnung für Ausgebombte, die hieß [Name unverständlich]. Da, wo die Zunftstube war, wo jetzt der Saal ist, war eine Wohnung.

  61. 10:47

    Lutz Adam: Und im Gefängnis, also im jetzigen Jugendtreff?

  62. 10:50

    Frau Senz: Ja, also das wurde aufgelöst. Ich meine, es waren ja keine mehr da. Da ist dann sofort der Saal umgebaut worden. Da sind die Wände rausgerissen worden. Also der ist schon lang, unten, wo ihr euren Saal habt. Der besteht bestimmt schon seit 1955.

  63. 11:15

    Frau Senz: Aber es war schon interessant. Aber es war hart. Also die Zeit war hart für die Männer, wie es war.

  64. 11:22

    Lutz Adam: Stimmt es, dass es vom Haus der Jugend, vom Keller, einen Gang gab in Richtung Café Sommer?

  65. 11:28

    Frau Senz: Nein, zur Spanischen Weinhalle.

  66. 11:31

    Lutz Adam: Wo war das?

  67. 11:32

    Frau Senz: Das war neben Sommer. Da war ein Durchgang, das stimmt. Also das haben sie gemacht, damit man keine [?] Ausweiche hat. Die Spanische Weinhalle ist dort gewesen, wo jetzt die Ulla Popken ist. Da ist er unterirdisch rausgegangen. Doch, das stimmt, ein Durchgang war da. Ist da noch etwas vorhanden?

  68. 11:54

    Lutz Adam: Ich glaube nicht. Man sieht im Keller auch nicht, wo das angefangen haben soll.

  69. 11:59

    Frau Senz: Der hat angefangen am Ende vom Saal. Also wenn man die Stufen runterkommt vom Keller – ich weiß nicht, wie viele Stufen das sind – und dann nach rechts, das muss dort an der Ecke gewesen sein, Herr Adam, wissen Sie, grad zum [unverständlich], zur Spanischen Weinhalle. Da hat man nämlich da raus abhauen können. Die hatten einen Durchgang von der Museumstraße nach der Wilhelmstraße, zur Weinstube, also zur Spanischen Weinhalle.

  70. 12:39

    Frau Senz: Und der Masso [?], das war der Franzose, wie sagt man denn da, der die Gefangenen brachte. Das war ein ganz Harter, das war ein Elsässer. Also der Masso. Ja. Aber was sich sonst gegeben hat …

  71. 13:00

    Lutz Adam: Gut. Und 1924 haben Sie schon im Haus gewohnt?

  72. 13:07

    Frau Senz: Da habe ich hier gewohnt. Ich kann mich bloß zurückerinnern, was da aus- und eingegangen ist. Also der Leichenwagen und das Sanitätsauto und die Weingärtner und die SS und so weiter, was da war.

  73. 13:20

    Lutz Adam: Gut. Und 1952 ist das Haus vom Bürgermeister Kalbfell damals an den Stadtjugendring gegeben worden, der sich da wohl auch gegründet hat. Und wissen Sie seit 1952 irgendetwas, was mal herausragend oder interessanter war?

  74. 13:36

    Frau Senz: Nein. Ach, da war noch das Büro vom Roten Kreuz. Die Frau Steinle hat das unter sich gehabt. Das war auch noch drin im Haus der Jugend. Und zwar, da haben wir müssen unten rein, wo man in den Hof hineingeht, wissen Sie? Bei euch der untere Eingang. Da war das Büro vom Roten Kreuz.

  75. 14:06

    Lutz Adam: Und sonst gibt es seit neuester Zeit nichts Besonderes mehr, außer mal gelegentliche Nachtruhestörung.

  76. 14:12

    Frau Senz: Das haben wir öfters gehabt. Ach so, jetzt … Ach nein, Herr Adam, das habe ich nicht gemeint. Nein.

  77. 14:20

    Lutz Adam: Die letzten 50 Jahre nichts Herausragendes mehr.

  78. 14:23

    Frau Senz: Ach nein, man hat sich daran gewöhnt. Ich meine, man hat das in Kauf genommen. Ich meine, jetzt der viele Publikumsverkehr mit den vielen Männern, das ist ja klar, dass man dann manches erlebt hat und gesehen hat und gehört hat. Es war schon happig.

  79. 14:42

    Frau Senz: Das war für mich im Prinzip hart, wenn man das sieht, wenn man selber einen Mann im Feld hat und muss das mit angucken, wie die da behandelt werden. Also die Behandlung war gut, also Schläge und so haben sie nicht gekriegt.

  80. 15:02

    Frau Senz: Bloß, Moment mal, da war vorher, als mein Vater nach Frankreich gekommen ist als Soldat, da hat ein anderer das Gefängnis übernommen zum Verpflegen und Bewachen. Und da habe ich erfahren vom alten Herrn Lambatter [?], das ist der Vorgänger vom Herrn Sommer: Der hat oft gesagt, wie die Kerle geschrien hätten, der hätte sie geschlagen mit einem Fuchsschwanz. Der hieß Lambatter [?]. Das muss ein ganz brutaler Hund gewesen sein.

  81. 15:40

    Lutz Adam: Wollt ihr noch irgendetwas wissen? Aber ich denke, an Material haben wir genug.

  82. 15:47

    Frau Senz: Ja, langt das. Ich weiß sonst nichts.

  83. 15:50

    Lutz Adam: Das kommt ja nachher ins Internet.

  84. 15:53

    Jugendliche: Wem hat das Haus ganz am Anfang gehört? War das gemietet, wo Sie gewohnt haben? Oder haben Sie das gekauft? Oder was war da?

  85. 16:02

    Frau Senz: Ich will euch sagen: Das war eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung oben im ersten Stock. Da hatten wir 18 Mark Miete bezahlt. Da haben wir runter müssen, Unter den Linden, ins Armenhaus. 18 Mark Miete für eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung.

  86. 16:23

    Lutz Adam: Und das war schon immer ein städtisches Haus?

  87. 16:25

    Frau Senz: Ja, das war städtisch. Das hat immer der Stadt gehört, Herr Adam.

  88. 16:30

    Lutz Adam: Gut.

  89. 16:32

    Jugendliche: Für was war dieser Tunnel gut?

  90. 16:34

    Frau Senz: Bitte?

  91. 16:35

    Lutz Adam: Der Tunnel in die Wilhelmstraße. Der Luftschutz.

  92. 16:39

    Frau Senz: Ja, bei Fliegeralarm, wisst ihr, dass man da, wenn dort Bomben niedergehen, noch irgendwie hat ausweichen können. Das ist viel gebaut worden in der Altstadt, dass man von einem Haus ins andere hat können, unterirdisch. Wissen Sie, das hat die Stadt machen lassen. Als Fluchtweg, wollte ich sagen.

  93. 17:00

    Jugendliche: Wie viele Fluchtwege oder Tunnel gab es insgesamt?

  94. 17:05

    Lutz Adam: In der Stadt?

  95. 17:06

    Jugendliche: Ja.

  96. 17:08

    Frau Senz: Was denn?

  97. 17:09

    Lutz Adam: Solche Tunnel.

  98. 17:10

    Frau Senz: Das weiß ich nicht. Wir haben bloß geguckt, dass wir davongekommen sind.

  99. 17:14

    Jugendliche: Gab es auch irgendwann mal Bombenalarm?

  100. 17:17

    Frau Senz: Ach ja. Am 15. Januar 1945, da war der erste. Am 23. Februar 1945 war der zweite Angriff, am 1. Mai der dritte. Stimmt’s? Genau.

  101. Anmerkung der Redaktion: Laut Stadt Reutlingen fielen die drei großen Bombenangriffe auf den 15. Januar, den 22. Februar und den 1. März 1945. Am 20. April 1945 besetzten französische Truppen die Stadt.

  102. 17:33

    Lutz Adam: Ich habe da noch nicht gelebt.

  103. 17:35

    Frau Senz: Ach so. Entschuldigung, das tut mir leid.

  104. 17:39

    Lutz Adam: Und bei den Angriffen ist dann auch das Rathaus zusammengeschmissen worden?

  105. 17:43

    Frau Senz: Der erste Angriff war unten bei der Tübinger Straße, die Unterstadt. Der zweite Angriff war mehr die Lindach, wisst ihr, dort hinaus in der Lindachstraße. Und der dritte Angriff war der Bahnhof und dort, im Jahr 1945.

  106. 18:02

    Jugendliche: Aber das Haus der Jugend ist nie beschädigt worden?

  107. 18:05

    Frau Senz: Da kam die ganze Nachbarschaft. Wir haben ja einen Luftschutzkeller gehabt. Die ganze Nachbarschaft war da und ist bei uns untergestanden, im Keller. Der Keller war gut, der ist heute noch gut.

  108. 18:21

    Lutz Adam: Oh, der ist super.

  109. 18:22

    Frau Senz: Nicht?

  110. 18:23

    Lutz Adam: Der ist nicht nur als Luftschutzkeller, sondern vor allen Dingen als Partykeller heute noch gut.

  111. 18:29

    Frau Senz: Na, der ist schon schön. Doch. In dem Hof, der war wirklich schön, da haben die Gefangenen immer mein Fahrrad geputzt oder sonst geholfen, haben auch meinen Sohn einmal gehütet, wenn ich oben schaffen musste.

  112. 18:47

    Jugendliche: Die Gefangenen, die haben Ihnen nichts gemacht?

  113. 18:50

    Frau Senz: [unverständlich]

  114. 18:51

    Jugendliche: Die waren nicht böse?

  115. 18:53

    Frau Senz: Ach was. Das sind sehr gut situierte Leute gewesen. Ich meine, wir hatten viele Schwarzhändler, Schwarzschlächter. Das hat man während dem Krieg auch nicht machen dürfen, schwarzschlachten, wissen Sie? Die Schwarzhändler, die haben gesungen, die haben Ziehharmonika gespielt, die hatten alles da unten, die waren frei. Wir hatten einen guten Kontakt mit allen.

  116. 19:24

    Frau Senz: Ich hatte auch Mädel, darf ich das so sagen, die waren im Bordell beschäftigt draußen.

  117. 19:31

    Frau Senz: Und dann war einer von den Franzosen, der hatte hinten auf seinem Mercedes einen Fallschirm, und der hieß Fallschirmjäger. Und der hat die schwer erziehbaren Mädchen von Buttenhausen, das ist ein Heim, geholt und hergebracht. Nein, nicht hierher. Da kamen sie raus zu dem Marokkaner in der [Straße unverständlich], [Name unverständlich]. Und nach dem kamen sie zu uns, und dann habe ich mit den Mädeln aufs Gesundheitsamt müssen, einen Abstrich machen, und von da aus kamen sie ins Krankenhaus. Vorher hat man sie nur wegen schlechter Kindererziehung und so geholt, und nachher für solche Sachen.

  118. 20:23

    Frau Senz: Und die Mädchen, die haben mir immer geholfen, Kartoffeln schälen, oder mein Eberhard war noch klein, den haben sie gebadet und frisch gewaschen. Die waren bei mir oben wie Angestellte. Also ich meine, die waren froh, wenn sie ein Geschäft gehabt haben, wissen Sie?

  119. 20:39

    Frau Senz: Ja, aber der Fallschirmjäger, der hat die Mädel gebracht. Ach Gott. Ja. Eins, zwei, drei, acht. Die waren natürlich alle angesteckt von dem Marokkaner. Alle. Die waren alle geschlechtskrank, die Mädchen.

  120. 21:02

    Jugendliche: Was hat er gemacht, der Marokkaner?

  121. 21:06

    Frau Senz: Sie spricht zu leise, weil ich ja so schlecht höre. Was haben Sie gesagt?

  122. 21:10

    Jugendliche: Mit dem Marokkaner, was …?

  123. 21:13

    Frau Senz: Ja, die Marokkaner … Also, wie soll man das sagen, Herr Adam?

  124. 21:19

    Lutz Adam: Die jungen Frauen waren …

  125. Die Aufnahme bricht hier ab.

Zum Einordnen

Erinnerung, keine Chronik

Frau Senz erzählt aus dem Gedächtnis, Jahrzehnte später. Manche Angaben weichen von anderen Quellen ab. Die drei großen Luftangriffe auf Reutlingen fielen laut Stadt Reutlingen auf den 15. Januar, den 22. Februar und den 1. März 1945. Auch die Jahre ihrer eigenen Zeit im Haus nennt sie im Gespräch unterschiedlich.

Haft nach Kriegsende

Französische Truppen besetzten Reutlingen am 20. April 1945. Frau Senz berichtet, dass danach SS-Angehörige und Parteifunktionäre im Haus in Haft saßen, oft nach Hinweisen aus der Nachbarschaft.

Die jungen Frauen

Gegen Ende spricht Frau Senz über junge Frauen aus einem Heim in Buttenhausen und aus einem Bordell. Sie beschreibt sie aus der Sicht ihrer Zeit. Die Frauen selbst kommen nicht zu Wort.

„Die Marokkaner“

Zur französischen Armee gehörten auch Soldaten aus Nordafrika. Übergriffe französischer Soldaten in den ersten Wochen nach der Besetzung sind belegt. Die pauschale Schuldzuweisung an „die Marokkaner“ folgt aber einem rassistischen Bild, das in Deutschland schon nach dem Ersten Weltkrieg verbreitet wurde.

Die Orte heute

Mehr zur Hausgeschichte

Von 1566 bis heute: die Zeitleiste der Museumstraße 7.